18. August 2025

Correo del Valle - Humor & Satire La Palma - Dr. Ingrid Jütting - Deutsche Sprache, schwere Sprache

Humor & Satire So ist das eben hier

Deutsche Sprache, schwere Sprache

Sie kennen das Syndrom: als Ausländerin suchen Sie hier und da und ab und zu während eines Gespräches verzweifelt nach der korrekten Vokabel, aber auf ihre innere Festplatte scheint sich just in diesem Moment ein Virus eingeschlichen zu haben. Das passende Wort fällt Ihnen partout nicht ein, und Ihr spanisches Gegenüber lächelt aufmunternd oder verlegen oder beides. Nun denn, Anlass zum Schmunzeln gibt es auch oft genug in umgekehrter Richtung. Vor gar nicht langer Zeit las ich in unserem winzig kleinen Duschbad eines Madrider Hotels den Hinweis: »Entscheiden Sie selbst! Wenn Sie ihre Handstuecher in der Badewanne lassen, wissen wir, dass sie sie gewechselt beikommen werder benuetzen wollen«. Immerhin, der tiefere Sinn der Nachricht war durchaus erkennbar, und der ökologische Hintergrund allemal lobenswert! Da Madrid überwiegend aus Baustellen zu bestehen schien, interessierten mich auch dort die Hinweise. »Obras!! Disculpen las molestias.« Tatsächlich in fünf Sprachen. Zu deutsch: »Arbeiten!! Machen Sie sich keine Umstände.« Auch das gefiel mir sehr, und ich machte mir auch keine.

Wieder zurück auf der Insel, stiegen die Herausforderungen merklich an. Nach einem abendlichen Strandspaziergang leuchtete mir fröhlich-bunt auf einer Speisekarte die Rubrik „Wüsten“ entgegen. Wüsten? Allerhand leckere Nachtische waren hier vermerkt, und so fiel der nicht mehr im Umlauf befindliche Groschen dann ziemlich schnell: schließlich heißt Nachtisch im englischen „dessert“, mit einem „s“ allerdings wird‘s zum „desert“, und das bedeutet Wüste. Da hatte wohl ein Englisch-Muttersprachler die spanische Speisekarte ins Deutsche übertragen – und dann kann so etwas ja mal vorkommen. Richtig kompliziert aber wurde es letzte Woche. Und dazu müssen Sie wissen, dass ich Spaghetti liebe, in allen Variationen. Unter „espagueti al pesto“ fand ich in der deutschen Übersetzung allerlei leckere Zutaten wie Knoblauch, Basilikum und Olivenöl, dazu noch Zahntriebe. Zahntriebe?? Da ich zur Zeit eine Dauereintrittskarte beim Zahnarzt habe, fragte ich mich in boshafter selektiver Wahrnehmung, ob er vielleicht den Restmüll in italienischen Restaurants entsorgt (oder gar die frischen neuen Zahntriebe der Kinder)? Nein, das konnte nicht sein. Allerdings war hier selbst der beste aller Ehemänner um eine Erklärung verlegen, was sonst so gut wie nie vorkommt.

Ich sezierte und analysierte also erst einmal mein pesto, und siehe da, neben den genannten mir wohlbekannten Zutaten fielen mir einige Pinienkerne von der Gabel. Hier musste des Rätsels Lösung liegen – Zahntriebe. „Pifiones“ im Spanischen sind Pinienkerne, aber „pifión“ ist laut Lexikon auch ein kleines Zahnrad. Kerne als Triebe zu bezeichnen ist zwar gewagt, aber denkbar, und in Verbindung mit einem Zahnrad wird dann „Zahntriebe“ daraus. Ehrlich gesagt, war das denn auch schon alles, was ich herausfand. Wenn Sie noch eine andere Lösung anbieten können, lassen Sie es mich wissen. Oder auch nicht, denn ganz ehrlich gesagt, ist es auch nicht ganz so wichtig, der Sache noch weiter nachzugehen. Und ob Sie es glauben oder nicht, sogar mein Leben hat normalerweise völlig andere Prioritäten.

Ingrid Jütting
Dr. Ingrid Jütting
(Ostfriesin, mittlerweile alt und weise)
lebte und arbeitete Anfang der 90er Jahre für eine ganze Dekade auf La Palma und beschrieb in ihren Kolumnen für den Correo del Valle mit scharfer Beobachtungsgabe das Inseltreiben – von „ganz normalen“ Alltagssituationen bis hin zu Blicken hinter die Kulissen des einheimischen Daseins, die sie manchmal durchaus an Ostfriesland erinnerten.

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