Kennen Sie das auch? Sie haben einen Tagesplan. Am Schreibtisch warten vielleicht bestimmte Aufgaben auf Sie. Zuerst räumen Sie aber mal auf. Das dauert. Währenddessen klingelt das Telefon, und ein ganz anderes Thema drängt sich in den Vordergrund. Während Sie telefonieren, schweift Ihr Blick über das Bücherregal, das Ihnen ein stummes »Abstauben, bitte!« entgegenruft, und die Pflanzen ein ungeduldiges »Bitte wässern, bitte gleich!“. Dann steht unerwartet jemand am Gartentor. Neues Thema. Eigentlich wollten Sie aber doch... So geraten manch sorgfältig geplanten Tagesabläufe zum ungeplanten Durcheinander, und Ihr eigentliches Vorhaben vom Morgen rückt irgendwie immer weiter in den Hintergrund. Tausenderlei kommt dazwischen, was rasch noch erledigt sein will, und abends fragen Sie sich, ob das alles noch normal ist oder ob Sie schon neurobiologische Befunde wie „Aufmerksamkeitsdefizit“ oder „Hyperaktivitätssyndrom“ zeigen. Von einem klinischen Störungsbild ist angeblich aber erst dann die Rede, wenn die Symptome Unaufmerksamkeit, Impulsivität sowie innere und äußere Unruhe sehr ausgeprägt sind und situationsübergreifend in Beruf und Privatleben vorkommen, bereits in der Kindheit vorkamen und beim Betreffenden einen erheblichen Leidensdruck erzeugen. Wenn Sie also nach Rücksprache mit Nachbarn oder Passanten noch nicht als extrem auffällig gelten, wenn Ihre Mutter Sie beruhigt, dass Sie als Kind völlig normal waren, und wenn Sie sich auch nicht sonderlich depressiv fühlen, dann kann ich Sie beruhigen. Sie sind noch ganz normal. Obwohl... kippt Ihre Stimmung manchmal? Das könnte auch ein „Borderline“- Symptom sein. Haben Sie nicht neulich gehört, dass Borderliner selbst bei kleinen Anlässen unangemessen hochgehen und von Gefühlsstürmen überwältigt werden? Sehen Sie nicht manchmal auch alles schwarzweiß? Sind Sie jetzt ein Grenzfall zwischen Neurose und Psychose? Wenn Sie nur lange genug in Ihrer Biografie kramen, finden Sie bestimmt Ungereimtheiten und traumatische Beziehungserfahrungen. Mich haben Kollegen schon vor Jahren mal für ein paar Tage in Urlaub geschickt, als ich viel zu spät und aufgelöst ins Büro kam, weil ich meine Brille nicht fand, bzw. dann doch, aber eben im Gefrierfach meines Kühlschranks. Ich habe mich einfach damit getröstet, dass es schon eine höchst anerkennenswerte intellektuelle Leistung ist, auf der Suche nach einer Brille einen Blick ins Eisfach zu riskieren... Alles ganz normal. Und nur weil mir der Name zum Gesicht meines Gegenübers manchmal fehlt, bin ich doch kein Alzheimer-Fall. (Vorausgesetzt, es handelt sich nicht um den besten aller Ehemänner.) Für den eingangs beschriebenen Schreibtischtag hab ich übrigens eine Lösung: Telefonhörer daneben legen. Natürlich klingelt es sofort, wenn ich den Hörer nach getaner Arbeit wieder auflege, und garantiert poltert jemand: »Entweder du redest stundenlang, oder du hast den Hörer abgehängt«. Und ganz entspannt im Hier und Jetzt flöte ich nur: »Tja, so ist das eben manchmal hier.« Eventuell denkt der Gesprächspartner, ich sei auch nicht mehr ganz normal. Aber ich bitte Sie: Wer ist das schon?
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